Gäbe es ein Wesen, womöglich von einem fremden Planeten, das die Welt nicht in ihren Volumina wahr nähme, sondern als Wechselspiel linearer Gebilde, von Flucht- und Bewegungslinien – es sähe wohl die Bilder von Johannes Buchholz.
Ausgangspunkt dieses originären Zeichners ist die sichtbare Welt, sind Räume und Architekturen, die er im skizzenhaft spontanen Strich neu vermisst, die er sich zeichnend immer neu erschließt. Keine nachträgliche Bauskizze am Bestand, dazu fehlt es an klaren perspektivischen Koordinaten, vielmehr eine Form der Aneignung, besser Annäherung, die keine eindeutige Grenze zwischen Innen und Außen, Befundskizze und subjektivem Empfinden mehr zulässt. Orte und Landschaften des Außen wie des Inneren, aufeinander projiziert und ineinander gespielt.

Der Künstler gibt uns seine motivischen Inspirationen in seinen Titeln preis, auch wenn es einigermaßen schwer fiele, sie in Berlin, im Südschwarzwald oder anderswo wieder zu entdecken. Einige kenne ich. Den S-Bahnhof Ostkreuz etwa. Er liegt nur eine Station vor Buchholz´ Atelier in Berlin-Lichtenberg. Die kaiserzeitliche Stahlkonstruktion, die das Gleis überspannt, wird soeben grundsaniert, das heißt: vom ursprünglichen Erscheinungsbild dürfte nichts mehr übrig bleiben. So hätte eine Zeichnung auch dokumentarischen Charakter, und es ist anzunehmen, dass Buchholz zunächst genau darum ging: Das Verschwindende fest zu halten. Dann kamen die Züge, bewegten sich die Menschen in kaum abreißenden Wellen und Bahnen, treppauf und treppab.
Zum tektonischen Gefüge gesellten sich, konterkarierend und dynamisierend, Bewegungslinien. Und was ist mit den Geräuschen? – tragen nicht auch sie zum seismischen Raumeindruck bei, lassen nicht auch sie sich in Linien und feinste graphische Gespinste übersetzen?

Raum, öffentlicher Raum konstituiert sich keineswegs nur über optische Koordinaten und es bedarf eines für die Verflechtung der Sinne empfänglichen, hochsensiblen Registrators wie Johannes Buchholz, daraus ein Bild zu formen. Wobei das Wort „formen“ hier einen maximalen Sinnradius beschreibt, denn geschlossene Formen gibt es in seinen Bildern so gut wie nicht.
Sie sind komplexe Momentaufnahmen aus dem Strom der Zeit, der sie förmlich durchfließt. Energielinien weit mehr als feste Konturen. Etwas Vorläufiges haftet ihnen an, selbst wenn sie bauliche Formen abrufen, die sogar den Krieg überstanden, wie Bruno Tauts sichelförmige Backsteinschule in Berlin-Lichtenberg. Der Kunsthistoriker Buchholz hält die für das Gebäude signifikanten Umrisslinien fest, unterstreicht das Visionäre von Entwürfen, welche über die bauliche Realisation weit hinaus gehen. Überhaupt eignet auch Buchholz´ Arbeiten der Elan der Moderne und Vormoderne, insbesondere in seinen utopischen Konfigurationen: Piranesi und Boullé kommen in den Sinn, mehr noch die Stadtvisionen der Walter Gropius und Le Corbusiers.

Noch komplexer wird es, wenn Klangräume und ummauerte Räume einander durchdringen. Der Zeichner nahm an Orchesterproben des Freiburger Ensemble Recherche und des Rias-Kammerchores teil. Doch allenfalls in stenographischer Formelhaftigkeit ruft er die Musiker ins Bild: Eher flüchtige Piktogramme als fixe Gestalten. Wichtiger als die Körperformen sind ihm allemal die musikalischen Rhythmen, in die er das Bild förmlich zerlegt. Sinneseindrücke durchdringen und verdichten sich, wie die graphischen Gefüge. Letztlich geht es ihm wohl um jenen Eindruck von Simultaneität, den schon Paul Klee konstatierte: Das die Malerei – ersetzen wir dieses Wort durch „Zeichnung“, der Musik dadurch überlegen sei, „dass das Zeitliche hier eher ein Räumliches ist“. Gemeint ist: Anstelle der Aufeinanderfolge von Klangerlebnissen dominiert der Eindruck des Zugleich.

Graphische Simultaneität ist das, was Johannes Buchholz uns in der Verschachtelung seiner Raumebenen, von musikalischen Bewegungsabläufen und in Liniengefügen übersetzten Musikerfahrungen vorführt: Die Welt als pulsierendes, hoch komplexes Gefüge, in dem alles mit allem zusammenhängt, besser: zusammen schwingt.

Wagt sich der Zeichner noch weiter hinaus übers Kreuz des Ostens, gelangt er womöglich nach Biesdorf, eine Reihenhaussiedlung an der Berliner Peripherie, wo, wie manche glauben , Menschen leben sollen, die sich bis heute weigern, weiter nach Westen vorzudringen als bis zum Alex. Gäbe es einen Fotografen für das imaginäre Buch „Ost-Ornament“ – er würde dort in hohem Maße fündig. Buchholz schildert das Gartenzaunidyll ohne jeden Anflug von Ironie oder gar Sentiment. Auch hier scheint das Motiv nur als zeichnerischer Vorwand zu dienen. Das heißt: nur der Zeichner selbst ist imstande, die Skizze auf das konkrete Straßenbild zu beziehen. Für uns, die Betrachter, ist der konkrete Ort nahezu unerheblich, bis auf die Tatsache, dass es auch soziale Netzwerke sind, die sich in den linearen Geflechten manifestieren.

Ja, es geht um Netzwerke, um das Gefüge von Bauten und das Leben darin, um die Verwischung der Differenz zwischen Festem und Beweglichen. Es geht letztlich um die Dynamisierung der Welt, ihre Verwandlung in ein offenes System, oder ist es keine Überführung, sondern nur ein Offenlegen dessen, was ist – beunruhigend und animierend zugleich: Auf der Ebene der kleinsten Strukturen finden wir nichts als Bewegung – eine freilich, die ohne Fluchtlinien auskommt. Wenn Johannes Buchholz den Schwarzwald-Ort Gersbach portraitiert, ist das lockere Gefüge der Häuser an die Höhenlinien der Weiden und Berge geknüpft, geht auch hier die konkrete Topographie in Verwerfungslinien auf, die auf andauernde Verwandlung verweisen. Hier wird Gegend ausgemessen, nicht zum Zwecke ihrer Bewältigung, etwa in Baumaßnahmen: Hochspannungsleitungen, von denen wir demnächst weit mehr zu ertragen haben, sondern im Sinne einer spontanen Struktur-Einfühlung.

Lassen wir zum Schluss den Künstler selbst zu Worte kommen:
“Ich versuche den Punkt zwischen Zeit und Raum zu treffen, in dem sich Gesten/Bewegungen zum Raum, zur Landschaft fügen und sich auch wieder trennen können, um pure Bewegung zu sein. Die Konzentration im Unkonzentrierten ist der Spannungspunkt, der auch den Betrachter in der Schwebe hält, im Hin und Her zwischen Erkennen und Entdecken.“

Ich wünsche Ihnen in dieser kleinen aber feinen Ausstellung viele Erkenntnisse und interessante Entdeckungen!

Stefan Tolksdorf


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