In meinen Zeichnungen beschäftige ich mich seit langem damit, in der direkten Auseinandersetzung mit dem Stadtraum eine eigene Zeichensprache zu entwickeln. Ich suche den Moment im Akt des Zeichnens, in dem sich gleichzeitig der Raum in seiner Tiefe und die Zeichen und Kürzel des jeweiligen Ortes mit dem Rhythmus und den dynamischen Spuren der Zeichenbewegung zu einer eigenständigen Verbindung fügen.

Die ungeordnet gewachsene Mischung aus Raum, Architektur und Zeichen des aktuellen Lebens an einem bestimmten Ort in der Stadt „durchlaufe“ ich schnell mit dem Auge und gebe Impulse in meine zeichnende Hand. Auf dem Papier entsteht eine Sammlung von gefundenen Konstrukten, von Bewegungen und Rhythmen. Diese Mischung aus Zufall und Wissen, aus Unbedarftheit und Virtuosität, aus persönlicher Verfassung und äußerer Gegebenheit stellt den Zielpunkt in jeder Zeichnung dar.
Dafür fertige ich an jedem Ort eine ganze Reihe von Zeichnungen an, "übe" mich an den jeweiligen Gegebenheiten. Oftmals verschränke ich später zeichnerische Ausschnitte verschiedener Arbeiten durch Zerschneiden und Neuzusammensetzen in einem Blatt. Eine erneute Zeichnung dieser Montagen vor Ort bringt sich verdrehende Perspektiven in linear-organischen Zusammenhängen hervor.

Die klassische Bleistiftzeichnung ist mein Medium. Ich möchte eine spektakuläre Materialwirkung weitestgehend ausschließen zugunsten einer größtmöglichen Offenheit in der Semantik der Zeichen sowie einer Konzentration auf den beschriebenen Spannungspunkt im Zeichenkonstrukt.
Die Konzentration im Unkonzentrierten und Unhierarchischen ist es, von der ich mir wünsche, dass sie den Betrachter in der Schwebe hält, im Hin und Her zwischen Erkennen und Entdecken, Rätseln und Forschen - wie in einer Partitur, deren vermeintliche Bekanntheit ihn lockt, sie selbst und neu zu interpretieren, oder wie in einem Suchbild, einem Schnittmuster oder einer Landkarte, in der gleichzeitig Linien, Zeichen, Bilder und Symbole zu enträtseln sind.

Johannes Buchholz


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